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Exposé

Automedialität.
Subjektkonstitution in Schrift, Bild und neuen Medien

Problemstellung

Die Autobiographieforschung – so die Ausgangsbeobachtung, die zu diesem Tagungsprojekt geführt hat – tut sich bis zum heutigen Tag schwer damit, in einen produktiven Dialog mit der Medienwissenschaft zu treten. Dies mag damit zu tun haben, dass bereits Jean-Jacques Rousseau in seinen Confessions, dem Gründungsdokument der modernen literarischen Autobiographie, die Medialität zugunsten eines Transparenzideals zurückgedrängt und die Schrift nur widerwillig als Mittel der Selbstkonstitution zugelassen hat. Ein großer Teil der Autobiographieforschung ist Rousseau darin gefolgt, Medien lediglich als Werkzeug eines je schon existierenden Subjekts zu betrachten. Sie sieht in dem Medium der Selbstdarstellung allenfalls das neutrale Instrument eines autobiographischen Pakts (Philippe Lejeune) oder Sprechakts (Elizabeth Bruss) und besteht ansonsten weiterhin auf der problematischen Begründung der Identität des autobiographischen Subjekts aus der vorgängigen personalen Identität des referentiellen Autors.

Eine provokative Umkehrung dieser medienvergessenen Perspektive der klassischen Autobiographieforschung stammt aus den achtziger Jahren, als der Versuch unternommen wurde, Medialität, genauer: (Druck-)Schriftlichkeit als Möglichkeitsbedingung für die Konstitution autobiographischer Innerlichkeit bzw. für die Subjektivität überhaupt auszumachen. Das Ziel dieser Bemühungen bestand darin, die Autobiographie als ein Epiphänomen des Gutenbergzeitalters zu bestimmen, an dem sich paradigmatisch die ‘Erhitzung’ (Marshall McLuhan) und – in Konkurrenz wie auch in Wechselbeziehung zu den neuen technischen Medien des Films und der Phonographie – die zunehmende ‘Erkaltung’ des autobiographischen Schreibens in der Gegenwart darstellen ließ (Friedrich A. Kittler, Manfred Schneider).

Kennzeichnend für die Forschungsdiskussion der letzten Jahrzehnte ist also eine starre Opposition diametral entgegengesetzter Standpunkte: auf der einen Seite die Ansicht, dass das Medium durch die Selbstaussprache des Subjekts bestimmt wird, auf der anderen Seite die Auffassung, dass jegliche Form von Subjektivität durch die Materialität des Mediums determiniert ist. Die Tagung verfolgt das Ziel, neue Ansätze zu erproben, die dazu geeignet sind, diese Opposition zu überschreiten. In ihnen könnte es darum gehen, ein traditionelles Verständnis von ‘Autobiographie’, bei der die Schrift ein bloßes Werkzeug für die Darstellung des eigenen bios ist, aufzulösen zugunsten einer ‘Autographie’ (Georges Gusdorf), eines sich medial im Schreiben konstituierenden Selbstbezugs bzw. – wenn man den Untersuchungsgegenstand von dort aus auf andere Formen medialen Selbstbezugs öffnet – einer generalisierten ‘Automedialität’.

Auf der Basis des Automedialitäts-Modells könnte man argumentieren, dass die zunehmende Technisierung der Medien nicht, wie häufig beklagt wird, eine Verarmung subjektiver Innerlichkeit bewirkt, sondern im Gegenteil eine größere Vielfalt von Selbstbezüglichkeiten hervorgebracht hat. Das Modell erlaubt es zudem, das intermediale Zusammenspiel verschiedener Formen der Selbstbezüglichkeit zu erfassen und in ihrer historischen Spezifik zu beschreiben.

Zum Konzept der Automedialität

‘Automedialität’ im Sinne des geplanten Symposiums bezieht sich auf neuere Forschungsansätze zur Genealogie von Subjektivität und soll hier – im Anschluss an philosophische, diskursanalytische und kulturanthropologische Studien, die den historischen Konstruktcharakter individueller und kollektiver Identitäten herausarbeiten – als kulturell und medial geprägte Form der “Subjektivierung” verstanden werden. Die medientheoretische Grundlage einer solchen Herangehensweise können insbesondere solche Ansätze liefern, die die Koppelung von Medialität und Subjektivität auf ihr produktives Potenzial hin überprüfen. Sie gehen davon aus, dass der Selbstbezug eines Subjekts immer schon auf eine mediale Exteriorisierung angewiesen ist, dass also erst die mediale ‘Zäsur’ oder ‘Unterbrechung’ (Georg C. Tholen) überhaupt einen imaginären Selbstbezug hervorbringt. Die sich auf diese Weise konstituierende Subjektivität ist der Effekt einer medialen Apparatur, sie verweist aber zugleich auf einen gewissen Freiraum der Selbstgestaltung. Die Aufmerksamkeit auf den produktiven Aspekt der Subjektivierung erlaubt es mithin, das intrikate Wechselspiel zwischen der subjektformierenden Macht eines Mediendispositivs und den Spielräumen für dessen individuelle Aneignung in sozialen, politischen und ökonomischen Zusammenhängen auszuloten. Sie legt es zudem nahe, auf neuere wissensgeschichtliche Studien zu rekurrieren, die den Zusammenhang von Wissenschaft, Medialität und Subjektivität untersuchen und dabei vor allem bürokratische, experimentelle und ethnographische Formen der Selbstkonstitution in den Blick nehmen.

Was die Autobiographieforschung im engeren Sinne angeht, so erscheint das theoretische Konzept der Automedialität dazu geeignet, eingefahrene Denkgewohnheiten zu erschüttern und einen fruchtbaren interdisziplinären Dialog zu eröffnen. Das betrifft insbesondere die in der Literaturwissenschaft noch immer dominierende restriktive Definition der Autobiographie, die sie auf die rückblickende Prosaerzählung des eigenen Lebens festlegt (Philippe Lejeune). Das Konzept der Automedialität eröffnet die Möglichkeit, die Autobiographie nicht bloß als literarisches Genre, sondern als kulturelle und mediale Praxis zu begreifen. Darüber hinaus erlaubt das Konzept die kritische Überprüfung der Annahmen, die den geläufigen gattungsgeschichtlichen Konstruktionen zugrunde liegen. Herkömmliche Gattungsgeschichten berufen sich gerne auf vermeintliche Gründergestalten der Autobiographie (Augustinus, Rousseau), um von dort aus geistesgeschichtliche Synthesen zu entwerfen, die teleologisch auf die Emanzipation des neuzeitlichen Subjekts hin ausgerichtet sind bzw. dessen ‘Verfall’ in der (Post-)Moderne nachzeichnen. Die Konzentration auf die medialen Materialitäten der autobiographischen Kommunikation kann dagegen dazu beitragen, die historischen Brüche und Verwerfungen sichtbar zu machen, die durch solche Synthesen verdeckt werden. Zugleich lenkt sie den Blick auf die Vielzahl heterogener Formen der Autographie, die durch das Raster der Genrebestimmung wie auch der linearen Geschichtskonstruktionen fallen. Schließlich verweist sie auf die Möglichkeiten der Selbstdarstellung jenseits der Autographie. Zwar kommt der Schrift auch im Rahmen der Automedialität eine zentrale Funktion zu, aber aus automedialer Perspektive wird erkennbar, dass es neben der Autographie immer auch andere Formen medial vermittelter Subjektkonstitution gegeben hat, die im 20. Jahrhundert stark an Bedeutung gewonnen und das Privileg der Schrift in Frage gestellt haben.

Unter diesen Prämissen erscheint es sinnvoll, die Problematik der Automedialität unter drei Gesichtspunkten zu untersuchen, die in den verschiedenen Sektionen der Tagung behandelt werden sollen:

1. Literarische Automedialität und Schrift

Im Hinblick auf die schriftgebundene Auto(bio)graphie als Ausgangspunkt für die Fragestellung der Tagung gilt es zu prüfen, welche Ansätze der Autobiographieforschung mit neueren medienhistorischen Studien zum Zusammenhang von Sprache und Subjektivität kompatibel sind. Dabei wäre zu zeigen, dass die Produktion von Subjektivität als grammatischer ‘Sinneffekt’ nicht an Sprache allein, sondern an ihrer Realisierung in einer bestimmten medialen Form hängt. Ein solcher Ansatz trifft sich mit aktuellen linguistischen und kognitionswissenschaftlichen Ansätzen, die die spezifisch mediale Form von Sprachzeichen zum konstitutiven Moment der Beziehung zwischen einem mentalen Innenraum und einem Außenraum des Denkens erheben.

Vor allem aber wird es auf der Grundlage des Automedialitätskonzepts möglich, die subjektkonstitutive Funktion der Schrift einer differenzierteren Analyse zu unterziehen, als dies bislang geschehen ist. Die literaturwissenschaftliche Autobiographieforschung hat sich bis dato nur für eine markante Zäsur innerhalb der Geschichte des Mediums Schrift interessiert, nämlich für die Erfindung des Buchdrucks. Sie sieht darin die mediengeschichtliche Voraussetzung für die diskursive Produktion autobiographischer Innerlichkeit bzw. subjektiver Individualität. Neben dem typographischen Dispositiv wären jedoch auch andere Formen der Verschriftlichung auf ihre Bedeutung für die Herstellung von Selbstbeziehungen hin zu befragen. So wäre es etwa interessant, die Differenz zwischen schriftlichen und mündlichen Selbsterzählungen zu untersuchen und sich dabei an den Forschungen zur oral history und zur vor-schriftlichen ‘Selbsterzählung’ zu orientieren, wie sie in der Entwicklungspsychologie, der Ethnologie und den Geschichtswissenschaften betrieben werden. Nicht minder aufschlussreich wäre die vergleichende bzw. kontrastive Untersuchung chirographischer, skriptographischer und typographischer Formen der Selbstverschriftlichung.

2. Automedialität und Medienästhetik

Über die schriftliche Konstitution eines Selbstverhältnisses hinaus gilt es auch andere Medien zu berücksichtigen, in denen sich ein ästhetischer Selbstbezug des Medienbenutzers herstellen kann. Folgt man der Grundannahme von der Produktivität der medialen Unterbrechung, so lässt sich diese Konstellation weder medienkritisch als Verlust einer vorgängigen Innerlichkeit noch mediendeterministisch als vorübergehendes Phänomen der Gutenberg-Galaxis beschreiben. Vielmehr handelt es sich um eine anhaltende und durchaus konfliktive soziale Konstellation, die auf die ästhetische wie auch anderweitig (religiös, ethisch, politisch) geregelte Konstitution und Reflexion von Subjektivität in verschiedenen Medien angewiesen ist. Dabei wäre es für die Neuzeit besonders wichtig, die bildgestützte Subjektivität im Verhältnis zu deren sprachlicher Konstitution sowie deren intermedialer Kopplungen zu untersuchen.

Dies betrifft zunächst einmal den Stellenwert von Bildmedien in der autobiographischen Literatur. Auf einer ersten Eben wäre zu untersuchen, wie autobiographische Texte thematisch und formalästhetisch auf Bildmedien (Gemälde, Photographien, Film etc.) Bezug nehmen und welche (subjektkonstitutiven, darstellungsstrategischen und poetologischen) Funktionen eine solche Bezugnahme erfüllen kann. Auf einer zweiten Ebene gilt es, die Integration von Bildern (Druckgraphiken, Photographien etc.) in den autobiographischen Text zu analysieren. Darüber hinaus eröffnet das Modell der Automedialität aber auch die Möglichkeit, das autobiographische Potential dieser visuellen Medienpraktiken selbst in den Blick zu nehmen. Es ist also nach den verschiedenen Modalitäten einer bildgestützten Subjektkonstitution zu fragen. Aus mediengeschichtlicher Perspektive wäre es dabei von besonderem Interesse, die neuen technischen Medien unter dem Gesichtspunkt der Subjektivierung zu untersuchen. Welche Möglichkeiten des Selbstzugs bietet etwa das Medium der Photographie? Gibt es so etwas wie ein kinematographisches Autoportrait? Welche Auswirkungen hat die massenhafte Verbreitung von Photokameras und Camcordern auf die persönliche Erinnerungskultur von Individuen – und welche Funktion erfüllen diese Medien bei der Verfertigung und Inszenierung subjektiver Identitäten?

Derartige Fragen erlangen eine gesteigerte Dringlichkeit, wenn man die multimedialen Anwendungsmöglichkeiten in Betracht zieht, die die elektronischen Medien des Computers und des Internets bereitstellen. Gerade im Hinblick auf den Umgang mit modernster Medien- und Computertechnik ist zu untersuchen, inwiefern die zunehmend kommerzialisierten technischen Möglichkeiten, kleinste Details des eigenen Lebens aufzuzeichnen und zu speichern, überhaupt noch einer spezifisch ästhetischen Selbstkonstitution zugänglich sind und inwieweit sich die medial gebundene Selbststilisierung zu einem Kennzeichen der digitalen Massenkultur entwickelt hat.

3. Automedialität und Wissenschaft

Die neuesten Entwicklungen der elektronischen Medien bringen die bisher heuristisch vorausgesetzte Trennung zwischen einem ästhetischen und einem pragmatischen, an andere Zwecke gebundenen Mediengebrauch ins Fließen. Die Aufweichung dieser von der Literaturwissenschaft meist vorausgesetzten Grenze ist insbesondere bezüglich der Problematik der Subjektkonstitution hilfreich und erforderlich – nicht notwendigerweise, um jegliche Differenz zu nivellieren, sondern um zu neuen und differenzierten Antworten bezüglich des Stellenwerts der Medialität in Fragen der Selbstkonstitution zu gelangen.

Die Wissenschaftsgeschichte hat trotz der scheinbaren Instrumentalität ihrer Aufzeichnungsmittel sehr früh die medial bestimmten Räume erkannt, in denen sich Wissen konfiguriert. Es bietet sich im Zuge der Problemstellung unserer Tagung an, diesen Ansatz noch stärker auf seine Affinitäten wie auch Differenzen zu ästhetischen Praktiken der Mediennutzung hin zu befragen und zu untersuchen, ob bzw. inwieweit hier wechselseitige Abhängigkeiten und Beeinflussungen vorliegen. Ein erster historischer Kreuzungspunkt, der in diesem Kontext Beachtung verdient, ist die Frühe Neuzeit. In der Frühen Neuzeit wird die auf die Spätantike zurückgehende Traditionslinie der Selbstpraxis (Michel Foucault) mit dem neuen Wissenschaftsdiskurs zusammengeführt, so dass ein ambivalenter, an die Medialität der Schrift gekoppelter Wissensraum entsteht, in dem sich Subjektivität als Objekt wissenschaftlicher Neugier und zugleich auch als Gegenstand einer ästhetischen Gestaltungspraxis konstituieren kann. Zu untersuchen wären in diesem Zusammenhang etwa die Wechselwirkungen zwischen religiöser und literarischer Textproduktion, aber auch die Subjektkonstitution aus bürokratischer Schreibarbeit, deren Bedeutung von der Frühen Neuzeit über die Aufklärung bis hin zur Moderne das Imaginäre der europäischen Kultur bestimmt.

Einen zweiten historischen Schwerpunkt bildet aus wissensgeschichtlicher Perspektive das frühe 20. Jahrhundert, in dem neben der Schrift erstmals auch in größerem Umfang technische Medien zum Einsatz gelangen, um den Menschen als Wissenssubjekt und -objekt zu konstituieren. Ein besonders ergiebiges Feld ist dabei der technische Mediengebrauch, wie er im Zusammenhang mit der “Psychologisierung” des Wissens vom Menschen praktiziert wird: Es wäre etwa zu fragen, wie ästhetische Nutzungen der Photographie (beispielsweise im Surrealismus) mit der wissenschaftlichen Nutzung photographischer Aufzeichnungstechniken in der Psychopathologie in Verbindung stehen. Doch nicht nur die szientifische Praxis, auch die theoretisch-methodologische Reflexion wirkt sich auf die Problematik der Subjektkonstitution aus – so etwa die seit den zwanziger Jahren in den Humanwissenschaften geführte Debatte über die Methode der participant observation. Aus ihr geht schließlich das Mischgenre der Autoethnographie hervor, das autobiographisch-automediale Darstellungsstrategien mit ethnographischen, psychologischen und soziologischen Beschreibungsverfahren kombiniert und somit die Interferenzen zwischen dem ästhetisch-literarischen und dem szientifischen Mediengebrauch paradigmatisch vor Augen führt.



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